Mittwoch, 21.02.2007 · Borreliose
Autor
Priv. Doz. Dr. med. H.E. Langer
Die Westernblot-Untersuchung ermöglicht eine wesentlich genauere Labordiagnostik der Borreliose als die ELISA-Techniken, die als Screening-Methoden vorgeschaltet werden. Bildnachweis: Rheumatologisch-immunologisches und infektserologisches Spezial-Labor, Priv. Doz. Dr.med. H.E. Langer, Düsseldorf

Diagnose der Borreliose

Die Diagnose einer Borreliose erfordert immer drei Komponenten: Die Krankengeschichte (Anamnese) mit der systematischen Erhebung typischer, aber auch atypischer  Symptome, den körperlichen Untersuchungsbefund (die „Klinik“) sowie Laboruntersuchungen.

Kein einziges dieser Elemente alleine reicht aus, um eine Borreliose mit ausreichender Sicherheit zu diagnostizieren oder aber auch, um eine Borreliose unwahrscheinlich zu machen („auszuschließen“, wobei ich persönlich von diesem Begriff im Zusammenhang mit Erkrankungen nichts halte, da man eine Erkrankung nicht mit letzter Sicherheit ausschließen kann).

Anamnese

Die Anamnese ist gerade in der Inneren Medizin eine Grundvoraussetzung für diagnostischen Erfolg. Bei der Borreliose darf sie sich aber nicht auf die Frage nach einem Zeckenbiß beschränken, da sich nur etwa ein Drittel aller Patienten mit einer gesicherten Borreliose daran erinnert, von einer Zecke gebissen worden zu sein bzw. den Zeckenbiß bemerkt hat.

Wichtig ist die Erfassung von bestimmten Symptomen, die auf eine mögliche Borreliose hindeuten. Sie umfassen das gesamte Spektrum der möglichen Krankheitszeichen, die durch eine Borreliose hervorgerufen werden können, wobei diese die unterschiedlichen Organbeteiligungen wie Muskel- oder Gelenkschmerzen bis hin zu Arthritis mit Gelenkschwellungen und Gelenkergüssen, unterschiedlichste Hautveränderungen, Herzrhythmusstörungen, Nervenausfälle, Augenentzündungen, eine Gehirnbeteiligung mit Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, und depressiven Verstimmungen ebenso umfassen wie Allgemeinsymptome wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit bis hin zu einer schwersten Leistungseinschränkung oder unklares Fieber.

Anamnese bei Borreliose-Verdacht

  • Zeckenbiß?
  • Anderer Insektenstich? (Bremsen?)
  • Hautreaktionen, speziell Wanderröte?
  • Lymphknotenschwellungen?
  • Muskelschmerzen?
  • Gelenkschmerzen?
  • Gelenkschwellungen?
  • Herzrhythmusstörungen?
  • Nervenausfälle, speziell des Gesichtsnervs Facialis („Facialis-Parese“, hängender Mundwinkel)?
  • Augenentzündungen, speziell Regenbogenhaut-Entzündung („Iritis“, „Uveitis“)?
  • Kopfschmerzen?
  • Konzentrationsstörungen?
  • Depressive Verstimmungen?
  • Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Leistungsminderung?
  • Fieber?

Körperliche Untersuchung

Bei der körperlichen Untersuchung gibt es Befunde, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine Borreliose hindeuten. Zu solchen „pathognomonischen“ Befunden, d.h. Befunden, die geradezu mit dem Zeigefinger auf diese Diagnose weisen, gehört das Erythema migrans („Wanderröte“, Abbildung). Dabei handelt es sich um eine Hautrötung, die zunächst als kleiner roter Fleck um den Zeckenbiß herum entsteht und die sich in den nächsten Tagen  mehr oder weniger kreisförmig immer weiter nach außen hin ausdehnt.

Selten, aber ebenfalls pathognomonisch sind zwei eine andere Hautveränderungen, das sogenannte Pseudolymphom (Abbildung), das nach etwa 2 Monaten nach dem Zeckenbiß auftritt, und die Acrodermatitis chronica atrophicans (Abbildung), die erst in sehr späten Stadien einer Borreliose beobachtet wird und z.T. erst viele Jahre nach der Infektion auftritt.

Das Pseudolymphom äußert sich als einige Millimeter bis einige Zentimeter große, rundliche, derbe, rötlich-braune Hautverdichtung („Infiltration“).

Die Acrodermatitis chronica atrophicans, auch nach ihrem Erstbeschreiber Acrodermatitis chronica atrophicans Herzheimer genannt, beginnt mit einer diffusen, entzündlichen, ödematösen Schwellung, die in der Regel auf der Streckseite der Extremitäten auftritt, vor allem an den Händen und Füßen. In der Folge verändert sich die Haut hin zu einer pergamentartigen, papierdünnen Haut, die zum Schluß in derbe Hautverdickungen übergeht.

Zu den für eine Borreliose pathognomonischen Befunden zählt auch die Facialisparese, wenn sie bei einem jungen Menschen aus völliger Gesundheit heraus auftritt und die immer und solange an eine Neuroborreliose, d.h. eine Borreliose mit Befall des Nervensystems, denken lassen sollte, bis das Gegenteil erwiesen ist.

Typische Befunde, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine Borreliose hinweisen oder an eine Borreliose denken lassen sollten

  • Wanderröte („Erythema chronicum migrans“, „Erythema migrans)“
  • Tumorartig wirkende rötlich-braune Hautknoten („Pseudolymphom“)
  • Stark gealtert wirkende Hautveränderungen an der Streckseite von Händen oder Füßen („Acrodermatitis chronica atrophicans Herzheimer“)
  • Lähmung des Facialis-Gesichtsnervs bei jungen Menschen („Facialis-Parese“, hängender Mundwinkel)

Leider fehlen aber bei den meisten Patienten solche Befunde oder liegen bei chronischen Verlaufsformen so lange zurück, daß ein Zusammenhang mit dem aktuellen Krankheitsbild zunächst nicht mehr hergestellt wird. Sehr häufig sind dagegen uncharakteristische Befunde, die dann eine umfangreiche differentialdiagnostische Abklärung in ganz verschiedene Richtungen erforderlich machen.

Labordiagnostik

Die Labordiagnostik hat für die Diagnose einer Borreliose einen hohen Stellenwert. Sie erfordert aber nicht nur die richtige Technik, sondern auch eine qualifizierte Bewertung der Ergebnisse, um auf der einen Seite „Labor-Borreliosen“ zu vermeiden und um andererseits sicherzustellen, daß eine Borreliose nicht übersehen wird, auch wenn die ersten Untersuchungen wegen negativer Befunde den Eindruck erwecken, daß ein solches Krankheitsbild nicht vorzuliegen scheint.

Labordiagnostik der Borreliose

Serologische Diagnostik

Im Normalfall können Borrelien bei einer Borreliose nicht unmittelbar im Gewebe  nachgewiesen werden; auch ist es bei ihnen im Gegensatz zu anderen Bakterien nicht möglich, sie im Rahmen einer mikrobiologischen Routinediagnostik in einer Kultur anzuzüchten (grundsätzlich ist ein Anzüchten von Borrelien auf speziellen Nährböden möglich; dies ist aber sehr aufwendig und für die Routine nicht geeignet).

Der Nachweis einer Borreliose erfolgt damit im Regelfall über einen Antikörpernachweis. Dies ist der Grund, warum die Diagnose einer Borreliose bei einem Teil der Patienten sehr einfach und bei einem anderen Teil der Patienten extrem schwierig und nur mit einer gewissen Unsicherheit möglich ist.

Um dies zu verstehen, müssen zunächst die Grundprinzipien der serologischen Diagnostik von Infektionen über einen Antikörpernachweis erläutert werden.

Bei der Borrelien-Diagnostik kommen heute überwiegend ELISA-Tests (Enzyme linked immunosorbent Assay) zum Einsatz, mit denen zwischen sogenannten IgM-Antikörpern und IgG-Antikörpern unterschieden werden kann.

Weil die serologischen Befunde bei einer Erstinfektion mit Borrelien anders aussehen als bei Folgeinfektionen, müssen die beiden Szenarien getrennt betrachtet werden.

Erstinfektion mit Borrelien

Bei einer Erstinfektion mit Borrelien beginnt zum allerersten Mal die Auseinandersetzung des Immunsystems mit diesem Erreger. Zu den verschiedenen Mechanismen, die nun von der körpereigenen Abwehr gestartet werden, gehört die Produktion von Antikörpern.

Diese Antikörperbildung gegen den Erreger setzt aber nicht unmittelbar ein, sondern benötigt einen gewissen Vorlauf von einigen wenigen Tagen bis wenigen Wochen (bis zu 2-4 Wochen nach dem Zeckenbiß, Abb.). Dies ist der Grund, warum bei einer Erstinfektion mit Borrelien eine Blutuntersuchung auf Borrelien unmittelbar im Anschluß an den Zeckenbiß noch keine Antikörper zeigt.

Eine solche Untersuchung ist deshalb absolut und überhaupt nicht geeignet, eine frische Borreliose zu diagnostizieren;  anderseits ist sie aber auch nicht vollkommen unsinnig, da sie die Frage klären kann, ob es sich bei der vermuteten Erstinfektion überhaupt um die erste Infektion handelt, oder ob nicht, ohne daß der Patient davon weiß, schon bereits früher einmal ein Kontakt mit Borrelien bestanden hat.

Wenige Tage nach der Erstinfektion bildet die körpereigene Abwehr dann als ersten spezifischen, gezielten Antikörper gegen den Erreger einen sogenannten IgM-Antikörper. Bei der Borreliose-Infektion können solche IgM-Antikörper im Schnitt nach etwa 2 Wochen im Blut bzw. im Serum gemessen werden. Der sogenannte Titer dieses Antikörpers, d.h. der Antikörperspiegel im Blut, steigt dann in den nächsten Tagen bis Wochen stark an, um dann nach einigen Wochen abzufallen.

Gleichzeitig kommt es zu einer Produktion von IgG-Antikörpern, die im Blut bzw. Serum im Schnitt nach etwa 4 Wochen gemessen werden können und die dann für einen sehr langen Zeitraum, der viele Jahre bis hin zu Jahrzehnten betragen kann, im Blut nachweisbar sind.

Abb.: Bei einer Erstinfektion mit Borrelien kommt es zunächst zu einer IgM-Antikörper-Bildung gegen Borrelien (durchschnittlich nach 2 Wochen, rote Linie), danach zu Bildung von Borrelien-IgG-Antikörpern (nach durchschnittlich 4 Wochen, gelbe Linie). Im Verlauf fallen nach etwa 4-5 Monaten die IgM-Antikörper ab (können im Einzelfall aber auch Monate bis Jahre nachweisbar bleiben; unterbrochene rote Linie), während IgG-Antikörper für viele Jahre bis Jahrzehnte bestehen bleiben, unabhängig davon, ob die Borreliose erfolgreich behandelt wurde oder nicht („Sero-Narbe“).
 
Bei einer frischen, 2-3 Wochen alten Borrelien-Infektion ist somit zunächst im Blut nur ein Borrelien-IgM-Antikörper nachweisbar, jedoch noch kein IgG-Antikörper. Mit fortschreitender Krankheitsdauer ist dann parallel mit dem Borrelien-IgM-Antikörper auch ein Borrelien-IgG-Antikörper nachweisbar. Im weiteren Krankheitsverlauf ist dann der Borrelien-IgM-Antikörper nicht mehr nachweisbar, während der Borrelien-IgG-Antikörper bestehen bleibt und anzeigt, daß sich das Immunsystem mit Borrelien auseinandergesetzt hat, anders ausgedrückt, daß es zu einer Infektion mit Borrelien gekommen ist.

Dieser typische Titerverlauf des IgM- und IgG-Antikörpertiters ist im Prinzip unabhängig davon, ob eine gezielte Therapie der Borreliose mit einem Antibiotikum erfolgt oder auch nicht, d.h. der Nachweis von IgM- oder IgG-Antikörpern unter einer laufenden oder unmittelbar im Anschluß an eine antibiotische Therapie sagt über den Therapieerfolg zunächst überhaupt nichts aus.

Allerdings kann eine unmittelbar zu Beginn der Infektion, z.B. bei einem Zeckenbiß und Erythema migrans, eingeleitete Therapie dazu führen, daß sich u.U. überhaupt keine Antikörper bilden. Da in der geschilderten Situation die typische „Klinik“ mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für eine Borreliose spricht, bedeutet der negative serologische Befund bei einem solchen Patienten dann nicht, daß es sich nicht um eine Borreliose gehandelt hat.

Hinsichtlich des IgM-Antikörpers gibt es bei der Borreliose allerdings im Vergleich zu vielen anderen Infektionen eine Besonderheit. Bei sehr vielen dieser anderen Infektionen fällt der IgM-Antikörper gegen einen speziellen Keim im Verlauf von 4-6-8 Wochen nach der Infektion ab und verschwindet dann völlig aus dem Blut. Bei der Borreliose hingegen kann ein IgM-Antikörper sehr lange, d.h. z.T. über viele Monate, u.U. sogar noch länger (bis zu Jahren), im Blut nachweisbar sein. Anders als bei anderen Infektionen kann deshalb bei der Borreliose aus dem gleichzeitigen Nachweis von IgM- und IgG-Antikörpern nicht darauf geschlossen werden, daß die Infektion irgendwann in den letzten 5-7-9 Wochen stattgefunden hat.

Erneute Infektion mit Borrelien

Bei einer zweiten Infektion mit Borrelien wird nicht mehr ein Borrelien-IgM-Antikörper gebildet, sondern es erfolgt sofort eine Borrelien-IgG-Antwort, d.h. der IgG-Titer steigt kurz nach der neuen Infektion stark an.

Wenn, was der Normalfall ist, keine Vorbefunde aus der unmittelbaren Zeit vor dieser erneuten Infektion vorliegen, kann aus dem Nachweis von Borrelien-IgG im Blut mit Hilfe eines ELISA-Testes nicht unterschieden werden, ob es sich um einen „alten“ Titer oder um eine neue, floride Borrelien-Infektion handelt. Damit kann in einer solchen Situation die Diagnose einer Borreliose nicht allein aus dem Nachweis eines ELISA-Borrelien-IgG-Titers im Blut gestellt werden.

  • Bei einer Zweitinfektion mit Borrelien werden keine IgM-Antikörper gebildet, sondern nur IgG-Antikörper
  • Aus dem Nachweis von Borrelien-IgG-Antikörpern im ELISA-Test allein kann nicht zwangsläufig auf eine floride, behandlungsbedürftige Borrelioseerkrankung geschlossen werden

Irrtumsmöglichkeiten und Fallstricke bei der serologischen Borrelien-Diagnostik

Bei der serologischen Borreliose-Diagnostik sind grundsätzlich zwei Irrtumsmöglichkeiten vorgegeben: Falsch-positive und falsch-negative Befunde.

Unter falsch-positiven Befunden versteht man Ergebnisse von Laboruntersuchungen, die auf ein Krankheitsbild hindeuten, obwohl ein solches in Wirklichkeit gar nicht vorliegt.

Für den Fall der Borreliose liegt beispielsweise ein falsch-positiver Laborbefund vor, wenn bei einer Blutuntersuchung ein Borrelien-IgM-Antikörper nachgewiesen wird, ohne daß überhaupt eine Borrelien-Infektion stattgefunden hat bzw. vorliegt. Wie es dazu kommen kann, wird weiter unten erklärt.

Unter falsch-negativen Befunden versteht man Ergebnisse von Laboruntersuchungen, bei denen ein bestimmter Test ein negatives Ergebnis zeigt, die Erkrankung, wegen derer er durchgeführt wurde, aber definitiv vorliegt.

Im Fall der Borreliose liegt beispielsweise ein falsch-negativer Laborbefund für einen solchen speziellen Test vor, wenn im Blut mit dieser Methode weder Borrelien-IgM- noch Borrelien-IgG-Antikörper nachweisbar sind, aber trotzdem eine floride, behandlungsbedürftige Borreliose besteht. In welchen Situationen so etwas vorkommen kann, wird ebenfalls weiter unten erklärt.

Falsch-positive Befunde bei der serologischen Borrelien-Diagnostik

Am häufigsten sind bei der serologischen Borrelien-Diagnostik falsch-positive Befunde für den Borrelien-IgM-Antikörper. Dies hängt damit zusammen, daß andere Krankheitsbilder oder auch spezielle Besonderheiten bei einem Patienten den IgM-Antikörpernachweis stören können.

So ist der Borrelien-IgM-Antikörpertiter unter Umständen auch bei einer akuten Infektion mit EBV (Ebstein-Barr-Virus), VZV (Varizella-Zoster-Virus, Windpocken-Virus / Gürtelrosen-Virus), CMV (Cytomegalie-Virus) sowie bei Lues (Syphilis) positiv.

Auch ein positiver IgM-Rheumafaktor kann in der Borrelien-Serologie einen falsch-positiven Befund vortäuschen. Deshalb sollte er vorher mit einer speziellen Technik aus dem Serum entfernt werden, bevor die Borrelien-Antikörper gemessen werden.

Sowohl den IgM- als auch den IgG-Nachweis betrifft das Problem, daß Borrelien Ähnlichkeiten mit anderen Erregern haben (ähnliche Antigen-Strukturen besitzen) und deshalb auch die gegen diese Antigen-Strukturen gebildeten Antikörper zum Teil so ähnlich aussehen, daß der Borrelien-Test nicht zwischen Antikörpern gegen Borrelien-Antigen und Antikörpern gegen ein ähnliches Antigen von anderen Bakterien unterscheiden kann.

Anders ausgedrückt: Der Test glaubt, Antikörper gegen Borrelien nachzuweisen, weist aber in Wirklichkeit Antikörper gegen einen anderen Erreger nach.

Dies gilt speziell für Antikörper gegen die auf der Oberfläche liegenden Geißeln („Flagellin“, s.u.) und Antikörper gegen sogenannte „common antigens“ (siehe dazu ebenfalls unten).

Moderne Testsysteme verwenden heute zwar ein gereinigtes Flagellin und konnten damit die Testgenauigkeit deutlich verbessern; ein weiterer Fortschritt ist der Einsatz von sogenannten rekombinant, d.h. gentechnologisch hergestellten Eiweißstoffen als Ausgangspunkt für die Testkits. Dennoch läßt sich mit diesen technischen Verbesserungen das Grundproblem der serologischen Diagnostik nicht lösen.

Deshalb ist es erforderlich, jeden positiven Borrelienbefund in der Serologie (z.B. mit ELISA-Testen) durch einen sogenannten Westernblot (s.u.) zu bestätigen bzw. abzusichern.


Ursachen für falsch-positive Befunde bei der Borrelien-Serologie /im ELISA-Test:

  • Andere Infektionen (EBV, CMV, Varizellen/Windpocken, Lues/Syphilis)
  • Rheumafaktoren
  • Infektionen mit anderen Erregern mit ähnlichen Strukturen (Flagellin, common antigen)

Falsch-negative Befunde bei der serologischen Borrelien-Diagnostik

Falsch-negative Befunde kommen am häufigsten in der Frühphase einer Borrelien-Infektion vor.

Es wurde oben schon darauf hingewiesen, daß in den ersten Tagen bis wenigen Wochen bei einer Erstinfektion noch keine Antikörper gebildet werden; damit ist ein entsprechender Test negativ, obwohl eine Borrelien-Infektion besteht.

Offensichtlich bilden unabhängig davon nicht alle Betroffenen einen IgM-Antikörper; es gibt Zahlen aus systematischen Untersuchungen, wonach z.T. nur bei 40% aller Patienten ein Borrelien-IgM-Antikörper nachweisbar ist. Dieses Problem stellt sich wohl insbesondere bei der Neuroborreliose, d.h. bei einem Befall des Nervensystems bzw. des Gehirns.

Ebenfalls oben behandelt wurde die Beobachtung, daß es unter einer frühzeitig verabreichten antibiotischen Behandlung bei einem Teil der Patienten nicht zu einer Antikörper-Antwort gegen Borrelien kommt und die Labortests damit negativ bleiben, obwohl klinisch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Borreliose vorgelegen hat.

In der Vergangenheit ergab sich bei der Labordiagnostik eine spezielle Tücke dadurch, daß die in den USA entdeckte Lyme-Borreliose durch einen anderen Erreger hervorgerufen wird als die in Europa verbreiteten Borreliosen. So ist die Ursache der US-amerikanischen Lyme-Borreliose der Erreger Borrelia burgdorferi sensu lato, während die Borreliose in Europa vor allem durch Borrelia afzelii und Borrelia garinii sowie durch Borrelia burgdorferi sensu stricto verursacht wird.

Testsysteme, die auf Antikörpern gegen Borrelia Burgdorferi sensu lato basieren, können eine Infektion mit Borrelia afzelii und Borrelia gariinii sowie Borrelia burgdorferi sensu stricto z.T. nicht erfassen.

Bei den neuen Testkits werden in der Regel Vollantigene verwendet, die alle drei Borrelienarten abdecken, so daß diese Ursache für falsch-negative Befunde heute nicht mehr so häufig zum Tragen kommt wie in der Vergangenheit. Da aber nicht sicher ist, welche Testsysteme von den einzelnen Labors eingesetzt werden, können darüber die z.T. unterschiedlichen Ergebnisse zwischen den verschiedenen Labors und z.T. auch falsch-negative Befunde erklärt werden.

Ursachen für falsch-negative Befunde bei der Borrelien-Serologie /im ELISA-Test:

  • Zu frühe Antikörper-Testung (in den ersten Tagen nach der Infektion wurde noch kein Antikörper gebildet)
  • Fehlende Antikörperbildung unter einer sofortigen antibiotischen Therapie
  • Nicht alle Patienten bilden Borrelien-IgM-Antikörper
  • Das verwendete Testsystem erfasst die Antikörper nicht
  • Bei Neuroborreliose finden sich Borrelien-Antikörper vor allem im Liquor, aber nicht immer auch im Serum (Blut)

Spezielle Situation bei der Neuroborreliose

Beim isolierten Befall des zentralen Nervensystems (Gehirnbeteiligung der Borreliose, „Neuroborreliose“) werden zwar auch Antikörper gegen Borrelien gebildet, aber vor Ort in den Hirnhäuten („Meningen“). Wegen der sogenannten Blut-Hirn-Schranke, die den Blutkreislauf von der Gehirnflüssigkeit (Gehirnwasser, „Liquor“) trennt, finden sich bei einer Neuroborreliose die Borrelien-Antikörper in erster Linie im Liquor, geringer oder überhaupt nicht dagegen im Blutkreislauf bzw. im Serum.

Deshalb ist es bei einer Neuroborreliose möglich, daß bei den üblichen serologischen Tests der Borrelien-Antikörper im Serum negativ ist, obwohl u.U. eine sogar lebensbedrohliche Gehirnbeteiligung vorliegt.

Umgekehrt ist es schwierig, aus serologischen Befunden auf eine Gehirnbeteiligung zu schließen (die in der Regel eine andere, intensivere Therapie erfordert als eine Borreliose ohne Gehirnbeteiligung).

Deshalb ist es bei einem Verdacht auf eine Neuroborreliose bzw. den Verdacht auf eine Gehirnbeteiligung bei einer Borreliose unumgänglich, neben der serologischen Diagnostik auch eine zusätzliche Untersuchung des Gehirnwassers (Liquor-Flüssigkeit) vorzunehmen, in der dann nicht nur die „normalen“ Antikörpernachweise durchgeführt werden, sondern zusätzlich der Borrelien-Direktnachweis mit Hilfe einer speziellen Methode (PCR, siehe unten) versucht wird.

Borrelien-Diagnostik mit Hilfe des Westernblots

Ein wesentlicher Fortschritt bei der Diagnostik der Borreliose wurde mit Hilfe der sogenannten Westernblot-Methode erzielt.

Das Prinzip des Westernblots

Bei dieser Methode werden durch eine spezielle Technik, die sogenannte Polyacrylamidgel- Elektrophorese, die unterschiedlichen Bestandteile („Antigene“) der Borrelien aufgetrennt und auf eine Trägerschicht aufgetragen (eine Nitrozellulose-Membran). Gibt man nun Patientenserum auf diese Membran, reichern sich die einzelnen Antikörper gegen die unterschiedlichen Borrelien-Antigen auf dem Teststreifen an und bilden ein spezifisches Muster, das so ähnlich aussieht wie die Streifen auf einem Barcode an der Gemüsetheke oder der Kasse im Supermarkt (Abb.).

Abb.: Borrelien-IgG-Blot. Über eine spezielle Technik kann die Antikörperbildung gegenüber den verschiedenen Borrelien-Bestandteilen („Antigenen“) aufgeschlüsselt werden. Dadurch können falsch-positive Befunde besser erkannt und bei einem positiven Befund Rückschlüsse auf das Stadium der Borreliose (frühes Stadium oder spätere Stadien geschlossen werden). Hier das Beispiel eines hochpositiven Blots bei einer Borreliose im Stadium III mit positiven Banden für VlsE, p39/BmpA, p30, p25/OspC, p21, p19 und p17 sowie einer grenzwertig positiven p83-Bande. In einem computergestützen automatisierten Ableseverfahren werden die auf dem Teststreifen sichtbaren Banden (im oberen Teil der Abbildung) gescannt und in ihrer Stärke dargestellt (unterer Teil der Abbildung). Bildnachweis: Rheumatologisch-immunologisches und infektserologisches Spezial-Labor, Priv. Doz. Dr.med. H.E. Langer, Düsseldorf

Durch die Westernblot-Methode kann nun nicht nur zwischen Borrelien-IgM- und Borrelien-IgG-Antikörpern unterschieden werden, sondern auch zwischen Antikörpern gegen einzelne Eiweißbestandteile der Borrelien. Die entsprechenden Reaktionen oder  Streifen auf dem Westernblot werden auch als „Banden“ bezeichnet.

Man weiß heute, daß es bei einer Borrelien-Infektion zu unterschiedlichen Mustern im Westernblot kommt, die Rückschlüsse auf das Stadium der Erkrankung ermöglichen.

Um dies zu verstehen, muß man sich mit dem hochinteressanten Anpassungsmuster von Borrelien an ihre Umwelt und insbesondere an ihre Wirte beschäftigen.


Die Borrelie verändert sich in Abhängigkeit von Wirt und Umweltbedingungen

Wenn die Borrelie in der Zecke lebt, muß sie an ihrer Oberfläche bestimmte Oberflächeneigenschaften ausbilden (spezielle Oberflächenantigene exprimieren), um sich an die Wand des Mitteldarmes, in dem sie sich in der  Zecke aufhält, anzupassen. Zu diesen Oberflächenantigenen gehört das äußere Membran-Eiweiß OspA (outer surface protein A).

Hat die Zecke nun ein Opfer gefunden, an dem sie Blut saugen kann, führt die Temperatur des angesaugten Blutes zu einer Temperaturerhöhung in der Zecke. Diese Temperaturerhöhung führt bei der in der Zecke lebenden Borrelie nun zu einer Veränderung der Antigeneigenschaften, d.h. ihre Oberfläche ändert sich.

Die Ausbildung (Expression) des äußeren Membran-Eiweißes OspA geht zurück (wird herunterreguliert), zugleich ein anderes äußeres Membran-Eiweiß produziert (das äußere Membran-Protein C, OspC = outer surface protein C).

Für ein Säugetier, d.h. den potentiellen neuen Wirt für die Borrelie, ist die Borrelie erst infektiös, wenn sie an ihrer Oberfläche dieses OspC-Antigen ausgebildet hat.

Da die Synthese von OspC etwa 12 Stunden dauert, wird verständlich, warum eine Übertragung der Erreger von der Zecke auf den neuen Wirt, z.B. einen Menschen, erst nach dieser Zeit beginnt und warum mit zunehmendem Aufenthalt der Zecke auf dem Wirt die Wahrscheinlichkeit für eine Borrelieninfektion stark zunimmt.

Die Auseinandersetzung zwischen Borrelie und Wirt

Im Säugetier ruft das Borrelien-Oberflächenmerkmal OspC allerdings eine starke Immunantwort hervor, d.h. es ist stark immunogen. Zum einen ist dies die Erklärung dafür, daß bei den Westernblot-Untersuchungen in der Frühphase einer Borreliose oft als erste Antikörper entsprechende Antikörper gegen OspC gefunden werden (s.u.).

Zum anderen passiert nun ein weiteres interessantes Phänomen. Um der Immunantwort des Wirtes gegenüber OspC zu entgehen, verändert die Zecke ihre Oberflächeneigenschaften erneut. Sie bildet nun ein Eiweiß, genauer ein Lipoprotein mit der Bezeichnung VlsE aus (variable major-protein-like sequence expression site), das hochvariabel ist und deshalb von der Abwehr des Wirtes nicht so gut und so eindeutig erkannt werden kann wie beispielsweise OspC. Für die Auseinandersetzung des Wirtes mit der Borrelie ist diese Abwehrstrategie der Borrelie ein Problem; für die Diagnostik einer Borreliose bietet die Expression von VlsE allerdings einen erheblichen Vorteil (näheres dazu siehe weiter unten unter VlsE).

Zeitliche Abfolge der Antikörperbildung

Bei einer Erstinfektion mit Borrelien kommt es im frühen Stadium der Erkrankung vor allem zu Antikörpern gegen das 41kD-Protein (kD = kilo-Dalton, d.h. Maß für das Molekulargewicht des Eiweißstoffes). Unglücklicherweise entspricht das 41kD-Protein dem bereits oben genannten Flagellin, d.h. dem Geißelantigen, so daß es auch im Westernblot durch Kreuzreaktionen mit dem Geißelantigen anderer Erreger zu falsch-positiven Ergebnissen kommen kann. In frühen Stadien der Erkrankung werden  außerdem aber auch Antikörper gegen das 21kD-/24kD-Protein gebildet (auch als „OspC“ bezeichnet, s.o.). Bei diesem Antikörper tritt das Problem von Kreuzreaktionen mit anderen Keimen und damit von falsch-positiven Befunden nicht auf. Allerdings kommt es nicht bei jedem Borreliose-Patienten zu einer Bildung von Antikörpern gegen das 21kD-/24kD-Protein.

Zeitliches Auftreten der Banden im Verlauf einer Borrelien-Infektion

Kurze Krankheitsdauer (wenige Wochen)

  • p14
  • p21-24 (OspC)
  • p37-38 (FlaA)
  • p41 (Flagellin, FlaB)

mittlere Krankheitsdauer (Wochen bis Monate)

  • p19 (OspE)
  • p26 (OspF)
  • p28 (OspD)
  • p39 (BmpA)
  • p60-65 (common antigen, Hsp60)
  • p83-100

längere Krankheitsdauer (mehrere Monate)

  • p17 (Osp17)
  • p31-32 (OspA)
  • p34 (OspB)

(nach Olaf Hagemann, Laborlexikon)

Durch die Auftrennung der Antikörper können mit Hilfe des Westernblots weitere mögliche Kreuzreaktionen erkannt werden. Sie betreffen neben dem Flagellin insbesondere das ebenfalls bereits oben erwähnte „common antigen“, ein 60kD-Protein, das in die Gruppe der sogenannten „heat-shock“-Proteine gehört und bei vielen anderen Bakterien vorkommt (z.B. dem weit verbreiteten Darmkeim E. coli, aber auch Pseudomonas, Legionella u.a.). 60kD-Antikörper treten bei einer Borrelien-Infektion in der Regel bei einer mittleren Krankheitsdauer, d.h. im Verlauf von Wochen bis Monaten, auf.

Spezifisch für Borrelien sind die beiden Oberflächenproteine OspA (mit einem Molekulargewicht von ca. 31kD) und OspB (Molekulargewicht ca. 34kD), die nach einer längeren Krankheitsdauer von mehreren Monaten nachweisbar sind. Allerdings bilden nur wenige Patienten Antikörper gegen diese beiden Oberflächenmerkmale, so daß ein fehlender Antikörpernachweis gegen OspA und OspB nicht gegen eine Borreliose spricht.

In späten Stadien einer Borreliose wird ein Antikörper gegen das 94kD-Protein gebildet. Da es für das 94kD-Protein keine bekannten Kreuzreaktionen gibt, ist der Nachweis von 94kD-Antikörpern ein untrügliches Zeichen für eine Borreliose (wobei aus dem isolierten Nachweis von 94kD-Antikörpern nicht entschieden werden kann, ob es sich dabei um eine Seronarbe nach erfolgreich behandelter Borrelien-Infektion handelt oder um eine noch floride, behandlungsbedürftige oder in der Vergangenheit unzureichend behandelte Borreliose).

Das 83kD-Protein ist ein Abbauprodukt des 100kD-Proteins. Es ist typisch für spätere Stadien einer Borreliose, kann aber auch in früheren Stadien auftreten.

VlsE

Eine wesentliche Verbesserung der Borrelien-Diagnostik mittels Westernblot konnte durch die zusätzliche Bestimmung von IgG-Antikörpern gegen VlsE erreicht werden.

Wie oben bereits beschrieben, ist VlsE eine Oberflächeneigenschaft auf der Borrelie, die erst im Säugetierwirt ausgebildet wird. Damit bedeutet der Nachweis von Antikörpern gegen VlsE, daß sich lebende Borrelien im Organismus befinden und es im Falle eines betroffenen Menschen zu einer Infektion mit Borrelien gekommen ist.

Allerdings können Antikörper gegen VlsE auch nach einer erfolgreich behandelten Borreliose noch für einen längeren Zeitraum bestehen bleiben, so daß auch mit der Einführung von VlsE-Antikörpern das grundsätzliche Problem nicht gelöst ist, durch die Labordiagnostik allein zwischen einer noch floriden, behandlungsbedürftigen Borreliose oder einer Seronarbe nach einer abgeklungenen, nicht mehr behandlungsbedürftigen Borrelieninfektion unterscheiden zu können.

Unabhängig von dieser Einschränkung konnte die Genauigkeit der ELISA-Teste und des Borrelien-Blots durch die Hinzunahme von VlsE erheblich gesteigert werden.

Beim Blot ist deshalb in den neueren Testsystemen zusätzlich zu den oben beschriebenen Banden eine weitere Bande vorhanden, auf der gentechnologisch (rekombinant) hergestelltes VlsE platziert ist und in denen auf diese Weise IgG-Antikörper gegen VlsE gemessen werden können.

VlsE tritt im Verlauf einer Borrelien-Infektion sehr früh auf, oft bereits gleichzeitig mit dem Nachweis von Borrelien-IgM-Antikörpern im ELISA.

In einigen Fällen ist VlsE als einziger Borrelien-spezifischer Antikörper nachweisbar und in diesem Fall der einzige Befund, der auf eine Borreliose hindeutet. Dies gilt offensichtlich  besonders für die Neuroborreliose.

Bei chronischen Borreliosen bzw. in fortgeschrittenen Stadien einer Borrelieninfektion ist VlsE häufig nachweisbar. Allerdings gelten auch die oben genannten Einschränkungen hinsichtlich noch vorhandener, persistierender Antikörper nach einer früheren und längst nicht mehr floriden Infektion.

Interpretation von Westernblot-Befunden im Borrelien-Blot

Liegen spezifische Banden vor, kann weitgehend unzweifelhaft ein Kontakt des Organismus mit Borrelien und eine Auseinandersetzung der körpereigenen Immunabwehr mit diesem Erreger angenommen werden.

Ein Borrelien-IgM-Westernblot gilt als positiv, wenn mindestens eine spezifische Bande positiv ist oder die p41-(Flagelin-) Bande sehr stark positiv ist; ein Borrelien-IgG-Blot wird als positiv bewertet, wenn mindestens zwei spezifische Banden (d.h. nicht p41 / Flagellin oder p60 / common antigen)  oder mindestens eine spezifische Bande und VlsE positiv sind.

Dabei steigt mit der Zahl der positiven Banden im IgG-Blot und dem Ausmaß der Antikörperantwort die Wahrscheinlichkeit, daß eine noch floride, unbehandelte oder nicht ausreichend behandelte, chronische Borreliose vorliegt.

Damit ein Blot-Ergebnis auch für andere Untersucher und behandelnde Ärzte sowie den Patienten nachvollzogen werden kann und eine qualifizierte Grundlage für therapeutische Entscheidungen besteht, muß im Befundbericht nicht nur die Bewertung als negativ oder positiv mitgeteilt werden, sondern auch die Anzahl und die Art der positiven Banden. Optimal ist ein Ausdruck, aus dem das Testergebnis unmittelbar hervorgeht (siehe die entsprechenden Abbildungen).

Aus einem positiven Blot-Ergebnis folgt allerdings nicht unmittelbar die Diagnose einer manifesten, noch floriden und behandlungsbedürftigen Erkrankung an einer Borreliose oder die Diagnose einer in der Vergangenheit durchgemachten Borreliose (s.o.).

Diese Diagnose bzw. diese Diagnosen ergeben sich erst in der Kombination mit der Anamnese (Krankheitsgeschichte, s.o.) und den klinischen Befunden. Dazu im folgenden ein Beispiel.

Unerwartetes Ergebnis bei der Abklärung einer Regenbogenhautentzündung (Uveitis) der Augen

Bei dem 38-jährigen Graphiker kam es Ende November aus völliger Gesundheit heraus plötzlich zu einer beidseitigen Regenbogenhautentzündung.

Vor etwa 15 Jahren war bei ihm als Zufallsbefund auf einer Röntgenaufnahme der Lunge („Röntgen-Thorax“), die vor einer kleinen Operation durchgeführt worden war, eine Sarkoidose (M. Boeck)  diagnostiziert worden. Nach einer entsprechenden Therapie kam es zu einer vollständigen Rückbildung dieses Krankheitsbildes, das dann auch in der Folge nicht mehr wiederkehrte.

Sonstige Erkrankungen sind bei ihm nicht gekannt, insbesondere ist die Vorgeschichte hinsichtlich Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, des Magen-Darm-Traktes sowie der Unterleibsorgane und der Harnwege völlig unauffällig.

Eine Schuppenflechte (Psoriasis) besteht weder bei ihm noch in der näheren Blutsverwandtschaft. Gelenksymptome oder Rückenschmerzen oder sonstige Symptome im Bereich des Bewegungssystems bestehen ebenfalls nicht.

Ein Zeckenbiß ist nicht erinnerlich.

Sonstige auffällige Ereignisse, insbesondere auch vorausgehenden Infektionen im Zeitraum von 2-4 Wochen vor dem Auftreten der Regenbogenhautentzündung sind nicht erinnerlich, ebenso kein besonderer beruflicher Streß oder andere besondere Ereignisse; in diesem Zeitraum auch keine  Auslandsaufenthalte.

Rheumatische Erkrankungen sind in der Familie nicht bekannt, insbesondere auch keine Erkrankungen aus der Gruppe der entzündlichen Wirbelsäulenerkrankungen (Spondarthritiden, Spondyloarthritiden).

Von seiner Augenärztin wird er nun unter der Fragestellung einer entzündlich-rheumatischen oder immunologischen Systemerkrankung als mögliche Ursache der Uveitis überwiesen.

Bei der Untersuchung finden sich keine Auffälligkeiten, insbesondere keine Gelenkschwellungen oder andere Hinweise auf eine entzündliche Gelenkerkrankung, weiterhin keine Hinweise auf eine Erkrankung aus der Gruppe der entzündlichen  Bindegewebserkrankungen (Kollagenosen) oder entzündlichen Gefäßerkrankungen (Vaskulitiden).

Die Wirbelsäule ist vollkommen frei beweglich und auch sonst unauffällig, speziell liegen keine Befunde vor, die auf einen M. Bechterew oder eine verwandte entzündliche Wirbelsäulenerkrankung hindeuten würden.

Die bereits vorab durchgeführte Röntgenuntersuchung der Lunge war unauffällig und ergab insbesondere keinen Hinweis auf ein Wiederaufflammen („Rezidiv“) der Sarkoidose.

Die übliche Labordiagnostik war ebenfalls unauffällig und erbrachte keinen Anhalt für das Vorliegen einer systemischen entzündlichen Aktivität.

So waren sowohl die Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) mit 2/4 mm n. Westergren als auch das c-reaktive Protein (CRP) mit  0,1 mg/dl vollkommen normal.

Die Rheumafaktoren waren im Latex-Test mit 11 IU/ml negativ; die Aktivitätsmarker einer Sarkoidose waren mit einem ACE von 41 U/l (normal: < 58 U/l), einem Lysozym von 9,8 mg/l (normal 4,6-17,6 mg/l) und Interleukin-2-Rezeptoren von 518 U/ml (normal 223-710 U/ml) vollkommen unauffällig.

Die immunologischen Parameter waren ebenfalls unauffällig (ANA negativ, ANCA negativ); die genetischen Risikomarker HLA B27 sowie HLA DR4 waren negativ bzw. nicht nachweisbar.

In der Infektserologie waren die Befunde unauffällig für Yersinia enterocolitica, Chlamydia trachomatis, Chlamydia pneumoniae, EBV, CMV negativ HHV-6 negativ (jeweils IgG- und IgA- bzw. IgM-ELISA).

Stark erhöht waren dagegen IgG-Antikörper für Borrelien bei negativen IgM-Antikörpern:

Borrelia-VlsE-ELISA IgG > 200 U/ml (normal < 20 U/ml)
Borrelia-ELISA IgM < 2 U/ml (normal < 20 U/ml).

Im anschließend durchgeführten Borrelien-Westernblot war der IgM-Blot negativ, im IgG-Blot zeigten sich dagegen deutlich positive Banden für VlsE, p30 und p17, schwächer, aber eindeutig positiv waren die Banden für p83 und grenzwertig für p39/BmpA (siehe Abbildung). Damit war der IgG-Westernblot eindeutig positiv.

Abb.: IgG-Borrelien-Westernblot bei einem Patienten mit einer Borreliose als Ursache einer beidseitigen Uveitis (Regenbogenhautentzündung). Bildnachweis: Rheumatologisch-immunologisches und infektserologisches Spezial-Labor, Priv. Doz. Dr.med. H.E. Langer, Düsseldorf

Auch bei gezieltem Nachfragen und in Kenntnis dieses Befundes war dem Patienten kein  Zeckenbiß erinnerlich, kein Erythema migrans, keine Arthritis, keine Herzrhythmusstörungen, keine Kopfschmerzen, keine Gelenkschmerzen, keine Muskelschmerzen, keine neurologischen Symptome.

Da Borrelien eine Regenbogenhautentzündung hervorrufen können, keine andere Ursache für eine Uveitis gefunden wurde und die Zahl und die Ausprägung der Banden im Westernblot für eine starke Antikörperantwort auf Borrelien sprechen, wurde die Diagnose einer Borreliose gestellt und mit einer antibiotischen Therapie mit Doxycyclin begonnen.

Nach der Krankheitsgeschichte muß es sich um eine Borreliose in einem späteren Stadium handeln (Stadium III). Dafür spricht auch der Nachweis der p83-Bande im Blot, die relativ typisch für eine Borreliose in einem späteren Stadium ist.

Unter der antibiotischen Therapie ist die Uveitis mittlerweile abgeklungen. Verlaufskontrollen müssen zeigen, ob die Behandlung mit Doxycyclin ausreichend war oder ob doch eine antibiotische Infusionsbehandlung notwendig wird.

Borrelien-Diagnostik mit Hilfe der PCR

Bei jeder Diagnostik von Infektionskrankheiten ist der direkte Nachweis des Erregers durch Anzüchtung aus einem betroffenen Körpermaterial (z.B. Auswurf, Urin, Gelenkflüssigkeit, Gehirnwasser, anderen Punktionsflüssigkeiten, Gewebsproben) der Goldstandard.

Bei der Borreliose ist zwar grundsätzlich eine Anzüchtung der Erreger auf speziellen Nährböden möglich. Das Verfahren ist aber sehr aufwendig und führt auch nicht in jedem Fall zu einem Ergebnis, so daß die Quote falsch-negativer Befunde hoch ist. Für die Standarddiagnostik einer Borreliose ist damit der Erregerdirektnachweis durch kulturelle Methoden nicht geeignet.

Andererseits ergibt sich aus den Darstellungen zur serologischen Diagnostik und zu den Westernblot-Untersuchungen, daß es immer wieder Situationen gibt, in denen ein Erregerdirektnachweis wünschenswert wäre.

Dies betrifft insbesondere die Neuroborreliose, bei der eine nicht erkannte, chronische Borrelieninfektion zu ebenso fatalen Konsequenzen führen kann wie eine zwar behandelte Borreliose, bei der aber die durchgeführten Therapien nicht zu einer vollständigen Elimination der Erreger geführt haben und damit auch eine chronische Verlaufsform vorliegt.

Für diese Fragestellung steht nun mit der PCR (Polymerase Chain Reaction) eine Methode zur Verfügung, die mit modernster Technik in vielen Fällen den Nachweis einer noch vorhandenen Infektion führen kann, in denen die bisher beschriebenen Tests nicht oder nicht ausreichend weiterhelfen konnten.

Das Verfahren beruht darauf, daß mit dem Enzym DNA - Polymerase in einer ebenso trickreichen wie technisch komplizierten Kettenreaktion die Borrelien - DNA   (Desoxyribonukleinsäure), d.h. die Struktur, die in den Borrelien die genetische Information enthält, so vervielfältigt werden kann, daß man sie hinterher mit üblichen Testmethoden nachweisen kann.

Rein theoretisch genügt es, daß in einem Untersuchungsmaterial eine einzige Borrelie vorhanden ist, um sie über die PCR nachzuweisen. Für die Praxis gilt eine Faustregel, daß eine PCR üblicherweise positiv ist, wenn sich in der Ausgangsprobe mehr als 6 Erreger befinden.

Mit Hilfe der PCR ist damit ein Erregerdirektnachweis möglich. Ist die PCR positiv, ist von einer noch vorhandenen Infektion auszugehen und eine entsprechende Therapie notwendig. Ist die PCR negativ, kann es sich (leider gibt es das auch hier) um einen falsch-negativen Befund handeln, so daß eine negative PCR eine noch vorhandene Infektion mit Borrelien nicht zu 100% ausschließt. Allerdings ist sie bei einem solchen Befund sehr unwahrscheinlich.

Wann sollte eine PCR-Diagnostik auf Borrelien durchgeführt werden?

Eine Borrelien-PCR-Diagnostik ist immer dann angezeigt, wenn sich aus einem positiven Befund therapeutische Konsequenzen ergeben würden. Dies ist insbesondere bei einer Neuroborreliose der Fall, bei der typischerweise eine intensivere Therapie (mit Antibiotika-Infusionen anstelle von Antibiotika-Tabletten) erfolgt als bei bei „unkomplizierten“ Borreliosen, z.B. bei einer reinen Hautbeteiligung in Form eines Erythema chronicum migrans oder auch bei einer Arthritis, bei der in vielen Fällen eine antibiotische Therapie in Tablettenform ausreicht. Da es um den Direktnachweis der Borrelien im Gehirnwasser (Liquor) geht, muß leider eine entsprechende Liquorpunktion bei einem klinischen Verdacht auf eine Neuroborreliose unumgänglich. Dies betrifft insbesondere die chronischen Verlaufsformen (Neuroborreliosen im Stadium III).

Von spezieller Bedeutung ist der Direktnachweis von Borrelien im Gehirnwasser bei der Frage, ob eine chronische Neuroborreliose mit einer Entmarkung des Gehirns vorliegt (einem Bild, das bei einer Kernspin-Untersuchung an eine Enzephalomyelitis disseminata ED, Multiple Sklerose, MS erinnert) oder um eine MS.

Die Unterscheidung zwischen den beiden Krankheitsbildern ist in manchen Fällen nicht einfach, vor allem, wenn die Befunde für die eine oder die andere Erkrankung nicht ganz typisch sind.

Üblicherweise finden sich bei einer Neuroborreliose bei der Untersuchung des Liquors neben Borrelien-Antikörpern weitere Befunde, die auf eine Infektion hinweisen, z.B. eine Vermehrung von Abwehrzellen (eine monozytäre Liquorpleozytose, d.h. eine Vermehrung besonders von Monozyten, einer Untergruppe von weißen Blutkörperchen), daneben eine Störung der Blut-Hirn-Schranke mit einer Erhöhung des sogenannten Albumin-Quotienten. Bei der Enzephalomyelitis disseminata tritt eine solche Schrankenstörung in der Regel nicht auf oder ist nur gering ausgeprägt. Außerdem liegt bei dieser Erkrankung üblicherweise keine oder nur eine geringe Erhöhung der Zellzahl vor, d.h. keine oder nur eine geringe Pleozytose. Typisch für die Enzephalomyelitis disseminata ist der Nachweis von sogenannten oligoklonalen Banden im Liquor. Dieser Befund gilt als pathognomonisch, d.h. als ein sehr starker diagnostischer Hinweis auf dieses Krankheitsbild.

Tückisch und eine gefährlicher diagnostischer Fallstrick ist aber der Umstand, daß es auch bei einer Neuroborreliose zum Auftreten von oligoklonalen Banden kommen kann. Wenn in einer solchen Situation ein Borrelien-Direktnachweis mit Hilfe der PCR gelingt, hat dies für den Patienten weitreichende Konsequenzen, da die Therapie damit vollkommen anders erfolgen muß als bei der Enzephalomyelitis disseminata.

Borrelien-Diagnostik mit Hilfe des Lymphozyten-Transformations-Tests (LTT)

Wegen der umfangreich geschilderten Problematik bei der Labor-Diagnostik der Borreliose wird nach Möglichkeiten gesucht, die Diagnose durch zusätzliche Methoden abzusichern. Dazu gehört der Lymphozyten-Transformations-Test (LTT).

Er beruht auf dem Prinzip, daß das Immunsystem auf eine Infektion nicht nur mit der Produktion von Antikörpern gegen den Erreger antwortet (man nennt dies die „humorale“ Antwort), sondern auch die Keime mit Abwehrzellen direkt angreift (dies nennt man die „zelluläre“ Antwort).

Vereinfacht dargestellt wird beim Lymphozyten-Transformations-Test versucht, die Immunantwort von Lymphozyten, einer Untergruppe der Abwehrzellen, auf bestimmte Borrelien-Bestandteile (Borrelien-Antigene) zu messen.

Dazu werden die Lymphozyten aus dem Blut des Patienten isoliert, für einige Tage mit bestimmten Borrelien-Antigenen in einer Zellkultur zusammengebracht und anschließend in ihrer Reaktion auf die Borrelien-Antigene beobachtet. Dazu wird zum einen die  Vermehrung der Lymphozyten gemessen (über den Einbau von 3H-Thymidin, einem radioaktiven Stoff), zum anderen ihre Gestaltveränderung („Lymphoblasten-Transformation“).

Die Vorstellung ist, daß ein positiver Befund im Lymphozyten-Transformations-Test auf eine Aktivierung des zellulären Immunsystems durch Borrelien und damit für eine floride Infektion spricht.

Dabei soll die zelluläre Immunantwort bei einer frischen Infektion bereits vor der humoralen Antikörperantwort auftreten und damit eine frühe Infektion besser erfassen als die herkömmlichen Testmethoden; bei der erfolgreichen antibiotischen Therapie soll im dann die Aktivität im Lymphozyten-Transformations-Test eher abnehmen als der Rückgang der humoralen Antikörper-Antwort.

Damit wird der LTT sowohl für die Frühdiagnose und die Diagnose in unklaren Fällen als auch für die Beurteilung des Therapieerfolgs bzw. die Therapiekontrolle propagiert.

Das Problem des Lymphozyten-Transformations-Tests liegt darin, daß diese im Prinzip interessant klingenden Vorstellungen („Hypothesen“) bislang noch nicht ausreichend durch entsprechende wissenschaftliche Untersuchungen abgesichert sind. Der Test gilt damit derzeit als noch nicht ausreichend evaluiert und wird deshalb von keiner wissenschaftlichen Fachgesellschaft empfohlen. Nach unserer Kenntnis gibt es deshalb z.T. auch Probleme mit der Kostenübernahme durch die Private Krankenversicherung (PKV). Für Mitglieder der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gehört die Untersuchung ohnehin nicht zu den Leistungen, die in den Leistungskatalog aufgenommen wurden. Dies bedeutet, daß die Kosten für den LTT bei GKV-Patienten selber übernommen werden müssen.

Priv. Doz. Dr. med. H.E. Langer
Erste Fassung vom 20.02.2007


Verwandte Links und weiterführende Informationen:

Beiträge zur Borreliose in Rheuma von A-Z:

Borrelien

Borrelia Burgdorferi

Borreliose

Lyme

Lyme-Arthritis

Externe Links:

Aktuelle Aspekte der Borreliose

Berufsgenossenschaftliches Forschungsinstitut für Arbeitsmedizin, Institut der Ruhr-Universität Bochum

Lyme-Borreliose - ein neues "Chamäleon" unter den Infektionskrankheiten
Priv.-Doz. Dr. med. Matthias Maiwald

Laborlexikon, Olaf Hagemann

Leitlinie: Neuroborreliose.

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften