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Birte

Ein Wintertag im Leben eines Rheumatikers

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6:15 Uhr
Der Wecker klingelt. Auf dem Weg in Bad ziehe ich wie jeden morgen die Vorhänge auf - es hat geschneit...
Mein Gehirn fängt an zu rattern - wie komme ich mit meiner momentanen starken Humpelei zu meinem Auto und von da zur Arbeit ohne zu stürzen? Erstaulich, dass eine einfache Wettersituation ein solches Entsetzen auslösen kann.

--- normale Morgentätigkeiten ---

08:30
Ich mache mich auf den Weg nach unten. Ich habe Angst und denke kurz darüber nach, mich krank zu melden, schiebe diesen Gedanken aber beiseite. Raus aus der Haustür. Die fünf Stufen des Treppenaufganges sind glücklicherweise geräumt und es ist ein Geländer da. Das klappt schon mal. Etwas Kopfsteinpflaster, glücklicherweise auch geräumt, also nicht allzu rutschig. Damit hat mein Glück aber nun ein Ende. Jetzt kommen drei flache Stufen ohne Geländer - nicht geräumt. Auf der einen Seite gibt es zwar einen Zaun, an dem man sich festhalten könnte, aber die drei Meter bis dahin sind nicht geräumt - also muss ich wohl entweder wieder reingehen oder das Risiko eingehen. Stufe für Stufe taste ich mich vorsichtig runter - die Leute gucken (vermutlich halten sie mich für betrunken), aber sowas kümmert mich nach 17 Jahren Rheumakarriere nicht mehr.
Nun liegen dreihundert Meter Fußweg, teilweise Kopfsteinpflaster und zwei Straßenüberquerungen ohne Ampel oder Zebrastreifen vor mir. Das Räumen der Bürgersteige scheint in dieser Stadt nicht modern. Vorsichtig und in kleinen Schritten taste ich mich voran. Endlich habe ich das Auto erreicht - natürlich zugeschneit. Ich hole den Handfeger aus dem Auto - hoffentlich muss ich nicht auch noch kratzen. Leider doch, nachdem der Schnee runter ist, bleibt noch eine Eisschicht. Also Eiskratzer raus und ans Werk - heute geht es nur mit der linken Hand und das auch nicht allzu gut - die Finger und Handgelenke schmerzen. Endlich ist das Auto frei. Klar ist jetzt schon, dass ich zu spät komme. Egal - erstmal losfahren.

9:15 Uhr
Ich habe tatsächlich einen Parkplatz nur 100 m vom Eingang gefunden - leider sind auch hier die Bürgersteige nicht geräumt. Am glattesten ist es aber auf der Wohnstraße, die ich überqueren muss, da der Schnee hier festgefahren ist und sich zum Teil bereits in Eis verwandelt hat. Ich eiere darüber und schaffe es, ohne zu stürzen. Auf dem Firmengelände ist glücklicherweise gestreut und geräumt.

9:25 Uhr
Ich komme ins Büro - natürlich zu spät. Aber jetzt bin ich auf jeden Fall erstmal sicher - bis zum Feierabend. Aber vielleicht taut es ja bis dahin...

18:30
Feierabend - natürlich ist es dunkel und ich kann den Bürgersteig nicht erkennen - also gehen wir mal vom worst case cenario aus und nehmen an, dass es überall schweineglatt ist. Ich erreiche in kleinen vorsichtigen Schritten mein Auto. Ein erster Blick auf die Scheiben - von außen sind sie frei, dafür sind sie nun von innen vereist. Eiskratzen kann man bei der gewölbten Scheibe vergessen, also bleibt nur Einsteigen, Motor anlassen, Gebläse und Heizung voll aufreißen und versuchen, mit dem Schwamm etwas auszurichten, was meinen Händen auch nicht gut tut und sehr mühsam ist. Irgendwann ist die Scheibe soweit frei, dass ich losfahren kann.

18:55 Uhr
Die Parkplatzfee ist mir diesmal hold, wieder nur 100 m von der Haustür entfernt bin ich fündig geworden. Die Bürgersteige sind rutschig und die Stufen noch viel mehr - aber ich schaffe es, ohne zu stürzen. Mit einem tiefen Gefühl der Erleichterung erreiche ich die Haustür und habe das erste Mal seit dem Morgen das Gefühl wieder in Sicherheit zu sein.
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