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Birte

Ein Tag im Leben eines Rheumatikers

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07:00
Der Wecker klingelt…
Ich stelle ihn weiter, um noch ein paar Minuten schlafen zu können

07:30
Nun muss ich langsam wirklich hoch. Ich richte mich auf, setze mich auf die Bettkante, fühle nach meinen Hausschuhen – mit Fussbett, etwas anderes geht gar nicht mehr. Ich greife nach der Gehhilfe, die unter dem Bett liegt und stelle sie neben mich. Mit einer Hand am Bettpfosten und der anderen Hand auf der Bettkante stemme ich mich langsam hoch. Mit der Gehhilfe bewege ich mich langsam in Richtung Küche. Wasser in die Kaffeemaschine und einmal aufs Knöpfchen drücken – dank Vollautomat ist sonst nichts zu tun. Weiter geht’s Richtung Bad. Das Klo ist zu weit unten und kaum Möglichkeit sich abzustützen. Irgendwie geht’s dann doch und ich komme trotz lädiertem Handgelenk auch wieder hoch.
Wieder zurück. In der Küche ist die Kaffeemaschine inzwischen aufgeheizt, also wird die Krücke in die Ecke gestellt, ein Becher aus dem Regal geholt und der Kaffee kann laufen. Frühstück machen – was schnell geht, denn meine Beine versagen langsam wieder den Dienst. Eine Scheibe Vollkornbrot mit Quark und Marmelade, dann ist auch der Kaffee fertig.
Katze füttern nicht vergessen – das Herunterbeugen fällt schwer.
Ich stelle die Kaffeetasse auf den Frühstücksteller und kann dann wieder zurück ins Bett – endlich angekommen (momentan bin ich glücklicherweise in einer Verfassung, dass ich nicht mehr ein Tablett mit den Gehhilfen vor mir her schieben muss). Der erste schmerzfreie Moment nach dem Aufstehen – super. Nach dem Frühstück Kaffee, meine tägliche Tablettendosis und die erste Zigarette. Währenddessen im Frühstücksfernsehen das Neue vom Tage ansehen. Danach ab unter die Dusche – ganz langsam. Auf dem Weg ins Bad wird das Frühstücksgeschirr in die Küche gebracht, um nur keinen der kostbaren Schritte, die ich am Tag laufen kann, zu verschwenden. Die Kaffeetasse wird schon mal wieder unter die Maschine gestellt.
Duschen geht momentan ganz gut – wenn ich mich am Kaltwasserhahn einerseits und am Waschbecken andererseits festhalte, komme ich sogar gut wieder raus. Abtrocknen, Kaffee aus der Küche holen, und für den zweiten Becher Kaffee und die zweite Zigarette zurück ins Bett.
Anschließend sind die Gelenke einigermaßen gehfähig – ich ziehe mich an, packe mein Mittagessen und mein Wasser in den Rucksack, rufe mir ein Taxi, greife meine Gehhilfe und los geht’s zur Arbeit – meine flexible Arbeitszeit sei tausendmal gepriesen!

10:00
Bei der Arbeit angekommen bin ich froh, wenn ich wieder sitzen kann. Rechner hochfahren und mal sehen, was anliegt. Drei verschiedene Kunden haben Anfragen bezüglich verschiedener Dinge, ein paar Fehlermeldungen kommen rein und ein Kundenbesuch muss vorbereitet werden. Zwischendurch muss ein Angebot für einen neuen Auftrag formuliert werden und und und …

17:00
Bin bereits total erledigt (sowohl körperlich als auch psychisch), schleppe mich die letzten beiden Stunden noch so dahin.

18:30
Scheiße, hab vergessen einzukaufen – jetzt aber schnell ein Taxi bestellen. Ich lasse mich beim Supermarkt raussetzen (ist nur 300 m von meiner Wohnung weg). Was brauche ich alles – Milch, Katzenfutter, Brot – und noch irgendwas zu essen für mich. Natürlich ist das, was ich kaufe, zu schwer. Mühsam geht’s – jeder Schritt eine Qual. Nicht an die Strecke denken, die noch vor mir liegt, sondern einen Schritt nach dem andern machen, bis man da ist.
Können die tratschenden Leute da vorn nicht sehen, wie mühsam ich vorwärts komme und einen Schritt zurücktreten, damit ich keinen Bogen machen muss? Offenbar nicht – ich merke, wie Wut, Hilflosigkeit, Verzweiflung sich breit machen. Natürlich kann ich die Aggressivität, die in mir hochsteigt, nicht an völlig Fremden auslassen, die einfach nur so auf dem Gehweg stehen – aber die sollten mal meine Schmerzen haben…
Ich atme tief durch und versuche meinen Wutpegel wieder zu senken.
Endlich habe ich die 300 m geschafft – alle Akkus leer – körperlich und geistig völlig ausgepumpt. Aber jetzt bloss nicht ausruhen, ich weiss, wenn ich einmal sitze/liege, kann ich nicht mehr aufstehen. Also – Sachen wegpacken – etwas zu essen machen (etwas, was ganz schnell geht, mehr schaffe ich nicht) – Katze füttern. Alles erledigt? Essen fertig?

20:00
Nun fängt mein Feierabend an – nicht, dass ich noch zu irgendwelchen Taten fähig wäre. Essen, Fernsehen, Lesen, Telefonieren mit Freunden und Familie – mehr geht einfach nicht. Die Katze will natürlich auch bespielt werden und ihre Streicheleinheiten haben.

Aktualisiert: 21.01.2009 um 15:44 von Birte

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